• Diagnose Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte
• Schwangerschaft & Geburt
• Ursachen der Spaltbildung - keiner hat Schuld
• Umgang mit der Diagnose
• Leben lernen
• Lippen-Kiefer-Gaumenspalte begreifen
• Nicht jeder reagiert gleich – Unterstützung ist möglich
• Nobody is perfect – Wie wichtig ist das Aussehen?
• Umgang mit Betroffenen
• Die Persönlichkeit ist wichtiger als das Aussehen
• Kinder sehen sich so, wie sie von uns gesehen werden
• Zeit der Operationen – ein Leben mit Veränderung
• Erwachsen werden – Vorpubertät & Jugendalter
• wichtige Fragen (Verlinkung auf die Themenbereiche)
Diagnose Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten sind nicht nur ein medizinisches (bzw.
chirurgisches) Problem sondern betreffen die ganze Person und
ihr soziales Umfeld.
Mit einer Spaltbildung werden verschiedene Sorgen und Ängste
verknüpft, die oft belastender sein können als die Spalte
an und für sich. Ist mein Kind normal? Wird es dadurch im
Leben benachteiligt werden? Wie wird das Umfeld darauf reagieren?
Wird es richtig sprechen können? Wird es in der Schule mitkommen?
Dazu kommen:
- Wiederkehrende Krankenhausaufenthalte,
- Diverse Operationen (Operationsängste, Schmerzen)
- Veränderung des Aussehens
- Ängste und Verunsicherungen rund um Ernährung/Stillen
Schwangerschaft und Geburt
Die Geburt eines Kindes ist immer ein besonderes Ereignis. In
den neun Monaten der Schwangerschaft sind die Gedanken von Eltern
beherrscht von Hoffnungen, Wünschen und Vorstellungen darüber,
wie das Kind wohl sein wird, wie es aussehen wird usw.
Die Geburt eines Kindes mit einer Fehlbildung im Gesicht, löscht
die positive Vorstellungswelt meist mit einem Schlag aus. Viele
Eltern sind geschockt. Unsicherheit und Angst verdrängen
Zuversicht und Optimismus – eine Welt bricht zusammen! Was
haben wir falsch gemacht? Warum passiert gerade uns so etwas?
Ursachen der Spaltbildung – niemand hat Schuld
Fragen nach dem Warum und Weshalb drängen sich immer wieder
ins Bewusstsein und können sehr quälend sein. Sie sind
Versuche das Unerwartete erklärbar und verstehbar zu machen.
Leider gibt es darauf aber bis heute keine klaren Antworten –
auch nicht von Seite der Wissenschaft. Die Unerklärlichkeit
ist häufig mit Schuldgefühlen, insbesondere von Seiten
der Mütter verbunden. Es wird über fehlerhaftes Verhalten
vor- und während der Schwangerschaft nachgegrübelt.
Permanente Selbstzweifel und Schuldzuweisungen können jedoch
die Beziehung zum Kind wie auch zum Partner oder der Partnerin
belasten.
Umgang mit der Diagnose
Gleich nach der Geburt beginnt die Zeit in der die Eltern lernen
müssen, mit der neuen unerwartenden Situation umzugehen,
sie zu verarbeiten. Die psychische Bewältigung der Geburt
eines Kindes mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte verläuft
(ähnlich wie die Verarbeitung anderer außergewöhnlicher
und belastender Erlebnisse) in verschiedenen Phasen: Nach der
Schockphase, die mit einer gefühlsmäßigen Erstarrung
einhergehen kann, kommt es zu einer Phase stark wechselnder Gefühle
(Wut, Ärger, Freude, Verzweiflung, Trauer usw.). Danach beginnt
die Zeit der Suche nach Informationen und endet schließlich
mit einer Neuorientierung und Akzeptanz.
Die Überwindung des Schocks ist besonders schwierig, wenn
Eltern und Kind nach der Geburt getrennt werden. Durch den Kontakt
mit den Kind fällt es leichter, das „ganze“ Kind,
und nicht nur die Fehlbildung wahrzunehmen. Bei einer Trennung
vom Kind kreisen die Gedanken nur mehr um die Fehlbildung und
diese kann dadurch schwerer relativiert werden.
Leben lernen
Nach dem ersten Schock macht sich häufig ein Gefühlschaos
breit. Intensive, teils widerstreitende Gefühle treten auf.
Trauer (um das phantasierte Kind), Zorn und Wut (warum gerade
wir? hätte man das nicht im Ultraschall erkennen können?),
Angst (vor ungewisser Zukunft, was sagen die anderen), Schuld
(was habe ich falsch gemacht?), sowie Freude über das Kind
wechseln sich ab. All diese Gefühle sind normal und müssen
Platz haben. Wichtig ist das diese Gefühle nicht vorschnell
z.B. durch Verharmlosung (das wird schon, ist ja gar nicht so
schlimm) verdrängt und nicht ernst genommen werden.
Rat für Außenstehende: Gefühle teilen und nicht
vorschnell „wegtrösten“.
Lippen-Kiefer-Gaumenspalte begreifen
Neben der gefühlsmäßigen Auseinandersetzung mit
der neuen Situation beginnt schrittweise auch die Verarbeitung
im Kopf (kognitive Verarbeitung). Informationen sind dabei enorm
wichtig. Sie können Sicherheit vermitteln und helfen, das
zunächst Unerklärliche zu verstehen. Informationen bieten
eine wichtige Vorbereitung auf dem Weg zur Akzeptanz. Sie können
von Fachleuten aber auch von Betroffenen eingeholt werden.
Tipp: Holen sie sich so viele Informationen wie für Sie wichtig
ist. Es gibt keine falschen oder dummen Fragen.
Die emotionale und kognitive Verarbeitung ist ein wichtiger Schritt
in Richtung Akzeptanz. Das Kind wird in seiner Andersartigkeit
akzeptiert, die Fehlbildung muss nicht verleugnet werden, sie
steht aber auch nicht immer im Mittelpunkt. Die Person mit ihren
Stärken und Schwächen wird wahrgenommen.
Das Kind tritt in den Vordergrund, die Spalte tritt in den Hintergrund.
Tipp: Beschäftigen sie sich mehr mit dem Kind als mit der
Spalte
Nicht jeder/ jede reagiert gleich
Der Verlauf der Phasen, bzw. die Verarbeitung läuft für
Mutter, dem Vater oder den Angehörigen zeitlich oft sehr
unterschiedlich ab. Sie sind unterschiedlich intensiv, und dauern
unterschiedlich lang. Nicht alle haben zur selben Zeit die selben
Gefühle. Angehörige und Betroffene befinden sich in
einer unterschiedlichen Situation. Das kann unter Umständen
zu Spannungen führen
Psychologische Unterstützung ist dann angezeigt, wenn die negativen Gefühle wie Angst, Trauer, Sorge so stark werden, dass sie die gesamte Energie in Anspruch nehmen, und dass der Alltag und das Problem nicht bewältigbar erscheint.
Wichtig ist Kinder mit einer LKGS als Herausforderung zu sehen, die uns die Chance geben unsere eigenen Normen und Werte zu überdenken.
Nobody is perfect! Wie wichtig ist das Aussehen?
Den perfekten Menschen gibt es nicht. Entscheidend ist, welche
Bedeutung den Abweichungen von „Normalität“ beigemessen
wird. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten haben zu allen Zeiten bestimmte
Deutungen erfahren (z.B. Hasenscharte, Wolfsrachen). Diese können
für Betroffene und deren Angehörigen sehr belastend
sein.
Menschen mit Fehlbildungen im Gesicht wollen nicht als Behinderte
gelten, und sie sind es auch nicht. Verschiedene wissenschaftliche
Arbeiten haben auch gezeigt, dass Personen mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten
sozial integriert sind und dass ihre Persönlichkeit in keiner
Weise pathologische Auffälligkeiten zeigt. Außerdem
ist das Selbstwertgefühl nicht primär vom Aussehen abhängig.
Dennoch müssen Betroffene mit dem Bewusstsein ihrer Auffälligkeit
leben.
Umgang mit Betroffenen
Außenstehende wissen of nicht, wie sie sich verhalten sollen.
Sollen sie hin- oder wegschauen, sind Hilfe oder Mitleid angebracht.
Es gibt keine Regeln oder Vorschriften nach denen sie sich orientieren
können. Häufig verhalten sie sich dann so, als gebe
es keine Fehlbildung, als wäre diese nicht existent und scheuen
davor zurück, die Abweichung anzusprechen. Die Fehlbildung
bleibt jedoch unterschwellig Bestandteil jeder Begegnung, und
Betroffene wissen sehr wohl, dass ihr besonderes Merkmal wahrgenommen
wird. Was sie nicht wissen ist, welche Bedeutung ihr in der jeweiligen
Situation gegeben wird. Diese wechselseitige Unsicherheit entsteht
bei fast jeder ersten Begegnung mit einem Menschen.
Eine Betroffene sagt: „ich hab die narbe nie "schön"
empfunden (das ist ein versuch der erwachsenen, zu beschwichtigen).
Für mich war (und ist) sie ein makel und ich hab mich eher
verarscht gefühlt und betrogen, wenn jemand
gesagt hat: das fällt ja gar nicht auf. Die wahrnehmung ist
halt ganz anders und die wertigkeiten verschieben sich stark.
Mir wäre es einfach lieber gewesen, die leute hätten
mich gefragt, wie's mir geht, ob ich angst habe oder hatte, wie's
im spital war oder so, anstatt mir zu sagen, wie schön
nach der OP meine narbe geworden ist. Dieses fixierung auf die
narbe hat mich immer hilflos und zornig gemacht, ich hab mich
nicht als "person" (im ganzheitlichen sinne) wahrgenommen
gefühlt“ (G.F.)
Die Persönlichkeit ist wichtiger als das Aussehen!
Das Aussehen ist als Ursache fürs „Hänseln“
wissenschaftlich nicht belegbar. Körperliche Merkmale (zu
klein, zu groß, zu dick, zu dünn, rote Haare,…)
können zwar Auslöser für Hänseleien sein,
aber nur wenn weitere „opfertypische“ Merkmale (z.B.
sich nicht wehren können) hinzukommen, kommt es zu längerfristigen
oder kontinuierlichen Problemen und Schwierigkeiten. Wichtig ist,
dass das Kind mit den Eltern über Kränkungen und Probleme
sprechen kann. Durch diese Unterstützung kann das Kind sich
selbstbewusst entwickeln und Hänseleien unbeschadet überstehen.
Kinder sehen sich so, wie sie von uns gesehen werden
Die Entwicklung des Selbstbildes eines Kindes wird wesentlich
von den Reaktionen der Umwelt auf das Kind beeinflusst. Sehen
wir nicht das Kind, sondern vor allem die Fehlbildung, so wird
das Kind diese ebenso stärker wahrnehmen. Sehen wir die Kinder
als besonders hilfs- und schutzbedürftig, dann werden auch
sie sich selber als hilfsbedürftig empfinden.
Ratschlag: Im Hinblick auf die gesunde Entwicklung des Kindes
ist es wichtig Stärken zu betonen und hervorzuheben, anstatt
auf Schwächen zu schauen.
Zeit der Operationen – ein Leben mit Veränderung
Besonders die erste Operation ist oft mit großen Veränderungen
im familiären Leben verbunden. Trotz langer Vorbereitungszeit
auf die Operation, kann es durchaus sein, dass kurz vor dem Operationstermin
noch einmal große Ängste und Unsicherheit eintreten.
Medizinische Information über die Operation und die genaue
Vorbereitung auf den Klinikaufenthalt erleichtern den Umgang mit
dieser speziellen Situation.
Manchmal kann es vorkommen, dass gerade sehr kleine Kinder nach
dem Krankenhausaufenthalt eine gewisse Zeit brauchen um wieder
in den gewohnten Schlafrhythmus zu kommen. Gewisse Umstellungsschwierigkeiten
sind nach einem Krankenhausaufenthalt ganz normal. Geduld und
viel Geborgenheit ist hier sehr wichtig und wird dem Kind dabei
helfen sich wieder in den gewohnten familiären Ablauf einzufinden.
Erwachsen werden – Vorpubertät & Jugendalter
Kleinkinder glauben ihren Eltern, dass es sich bei den betreuenden
Ärztinnen und Ärzten um Spezialisten handelt denen man
einfach vertrauen kann. Bei Heranwachsenden bzw. Jugendlichen
braucht es mehr Information und Aufklärung, gerade wenn es
um kosmetische Fragen geht. Oft haben Jugendliche mehr Fragen
als beantwortet werden können. Von ärztlicher und psychologischer
Seite sollten Jugendliche besonders viel Information erhalten.
Aber auch den Gefühlen, Erwartungen und Ängste sollten
besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wichtig ist es
aber auch nicht zu vergessen, dass Probleme mit dem eigenen Aussehen
und eine besondere Sensibilität in diesem Bereich für
die Zeit vor und während der Pubertät ganz normal sind
und allgemein zur Entwicklungsphase dazugehört. Nicht an
jedem Problem ist die Spalte schuld!
• Was heißt Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte? (-> Diagnose
Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte)
• Leben mit der Diagnose LKGS? (-> Diagnose
Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte; Umgang
mit der Diagnose)
• Welche Ursachen hat die LKGS? (-> Ursachen
der Spaltbildung – keiner hat Schuld)
• Bin ich schuld an der Spaltenbildung meines Kindes? (-> Ursachen der Spaltbildung – keiner
hat Schuld, Umgang mit der Diagnose, Lippen-Kiefer-Gaumenspalte begreifen)
• Wie wird die Zeit der Operationen sein? (Zeit
der Operationen – ein Leben mit Veränderung)
• Wird mein Kind stark genug sein im Umgang mit anderen?
(Kinder sehen sich so, wie sie von uns
gesehen werden)
• Wie wird unser Zusammenleben in der Familie sein? (->Leben
lernen)
Wichtige Adressen:
Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen
(BÖP),
A-1040 Wien Möllwaldplatz 4/4/39 Tel: +43 (0) 1 407 2671
0 Fax: +43 (0) 1 407 671 30
www.boep.or.at/psychnet/
Dr. Karoline Verena Greimel
(Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin)
Universitätsinstitut für Klinische Psychologie, Landeskrankenhaus
Salzburg – Universitätsklinikum der Paracelsus medizinischen
Privatuniversität
k.greimel@salk.at